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Trauer um ein Tier braucht Zeit – warum du dir diese Zeit geben darfst

Autorenbild: Herz und Andenken
Herz und Andenken
29. Sept.
6 Min. Lesezeit

Es gibt Verluste, bei denen wir schon nach kurzer Zeit anfangen, uns selbst zu beobachten. Wir fragen uns, ob es nicht langsam besser werden müsste, warum wir immer noch so oft an unser Tier denken oder weshalb uns etwas scheinbar Belangloses plötzlich wieder völlig aus der Bahn werfen kann. Vielleicht ist der Tod schon einige Wochen her, vielleicht Monate oder Jahre, und trotzdem gibt es diese Augenblicke, in denen die Trauer wieder ganz nah ist. Manchmal reicht dafür ein Foto, manchmal ein bestimmter Ort, eine Jahreszeit oder eine beiläufige Erinnerung an etwas, das für andere völlig unbedeutend wäre, für dich aber untrennbar mit deinem Tier verbunden ist.


Gerade bei der Trauer um ein Tier entsteht schnell das Gefühl, irgendwann müsse es doch einmal gut sein. Das Umfeld lebt weiter, der Verlust wird seltener angesprochen und nach einer gewissen Zeit fragt kaum noch jemand danach. Vielleicht möchtest du selbst nicht ständig davon anfangen, weil du nicht weißt, ob die anderen überhaupt noch verstehen können, dass es dich beschäftigt. Also funktioniert man wieder, lacht, arbeitet, kümmert sich um all das, was eben getan werden muss, und wundert sich gleichzeitig darüber, dass die Trauer trotzdem noch da ist.


Dabei ist vielleicht gar nicht die Frage, warum sie so lange bleibt. Vielleicht wäre die viel ehrlichere Frage: Warum sollte etwas, das über eine lange Zeit ein so selbstverständlicher Teil deines Lebens war, innerhalb weniger Wochen keine Rolle mehr spielen?


Dein Tier war Teil deines ganz normalen Lebens


Wenn wir später von einem verstorbenen Tier erzählen, erinnern wir uns häufig an besondere Erlebnisse, an schöne Momente, an schwierige Zeiten oder an den letzten gemeinsamen Tag. Aber das, was nach dem Tod so schmerzlich fehlt, sind oft gar nicht diese besonderen Augenblicke. Es ist das Gewöhnliche.


Es ist dieses selbstverständliche Wissen, dass da noch jemand ist. Vielleicht gehörten bestimmte Geräusche zu deinem Zuhause, vielleicht bestimmte Handgriffe zu deinem Tagesablauf oder Wege zu deinem Leben, die du ohne dein Tier nie gegangen wärst. Vielleicht hast du morgens zuerst nach ihm gesehen oder abends noch einmal geschaut, ob alles in Ordnung ist. Du kanntest seine Vorlieben und Eigenheiten, wusstest, wann etwas nicht stimmte, hast kleine Veränderungen wahrgenommen, die anderen vermutlich überhaupt nicht aufgefallen wären, und hattest wahrscheinlich eine ganze Sammlung von Gewohnheiten, die nie jemand geplant hat und die irgendwann einfach da waren.


Welche Tierart dich begleitet hat, spielt dabei keine Rolle. Nähe entsteht nicht erst dann, wenn ein Tier auf dem Sofa neben uns liegt oder uns an der Haustür begrüßt. Sie kann genauso beim täglichen Versorgen eines Pferdes entstehen, beim Beobachten eines Vogels, beim Füttern eines Kaninchens, beim ruhigen Zusammensein mit einem Reptil oder bei einem Tier, dessen Leben und Bedürfnisse sich vollkommen anders gestalten als unsere eigenen. Menschen können auf sehr unterschiedliche Weise eine tiefe Beziehung zu einem Tier entwickeln, und ebenso unterschiedlich kann sich der Verlust anfühlen.


Vielleicht fehlt dir deshalb etwas, das sich kaum in Worte fassen lässt. Nicht nur dein Tier selbst, sondern dieses vertraute Miteinander, das niemand von außen vollständig gesehen hat, weil es aus unzähligen kleinen Momenten bestand, die nur euch gehörten.


Und plötzlich ist so vieles zum letzten Mal passiert


Eine der schwierigsten Erfahrungen in der Tiertrauer kann sein, dass die eigene Welt sich verändert hat, während für fast alle anderen alles geblieben ist, wie es war. In den ersten Tagen gibt es vielleicht noch Nachrichten und Nachfragen. Jemand sagt, wie leid es ihm tut, jemand erinnert sich an dein Tier, und du spürst zumindest für einen Moment, dass andere verstanden haben, dass du jemanden verloren hast, der dir wichtig war.

Dann vergeht Zeit.


Das Leben wird wieder voller, Gespräche drehen sich um andere Dinge und irgendwann wird der Name deines Tieres kaum noch erwähnt. Nicht unbedingt aus Gleichgültigkeit, sondern weil andere Menschen nicht jeden Tag mit seiner Abwesenheit leben. Sie sehen nicht den Platz, an dem etwas fehlt. Sie haben nicht deine Routinen verloren. Sie öffnen nicht den Schrank, in dem noch etwas liegt, das plötzlich nicht mehr gebraucht wird, und sie kennen nicht diese Sekunden, in denen man etwas ganz automatisch tun möchte und erst mitten in der Bewegung merkt, dass es keinen Grund mehr dafür gibt.

Vielleicht fängst du deshalb irgendwann an, deine Trauer für dich zu behalten. Nicht weil sie verschwunden wäre, sondern weil du das Gefühl hast, dass sie nach außen keinen richtigen Platz mehr hat.


Und genau dann kann die Frage auftauchen, ob mit dir etwas nicht stimmt, weil du immer noch trauerst.


Wie lange darf man um ein Tier trauern?


Auf diese Frage gibt es keine Zahl, die dir wirklich helfen würde. Drei Wochen wären für den einen Menschen viel, für einen anderen kaum genug Zeit, um überhaupt zu begreifen, was passiert ist. Nach sechs Monaten kann sich das Leben wieder leicht anfühlen und trotzdem kann ein einziger Moment die Trauer zurückbringen. Auch nach Jahren kann eine Erinnerung wehtun, obwohl du längst wieder glücklich bist und vielleicht andere Tiere Teil deines Lebens geworden sind.


Trauer verläuft nicht so ordentlich, wie wir es uns manchmal wünschen würden. Sie wird nicht jeden Tag ein kleines bisschen weniger, bis sie irgendwann verschwunden ist. Es kann eine Zeit geben, in der du glaubst, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben, und dann kommt ein Tag, an dem dein Tier dir unerwartet sehr fehlt. Vielleicht ist es sein Geburtstag, sein Todestag oder ein Ort, an dem ihr gemeinsam wart. Vielleicht gibt es überhaupt keinen erkennbaren Grund.


Das macht die Zeit davor nicht ungeschehen und bedeutet auch nicht, dass du in deiner Tiertrauer wieder ganz am Anfang stehst. Es bedeutet zunächst nur, dass du dich erinnerst und dass diese Erinnerung etwas in dir berührt.


Vielleicht musst du dein Tier auch gar nicht „loslassen“


Das Wort Loslassen begegnet Menschen in Trauer erstaunlich oft, und vielleicht ist genau das einer der Gründe, weshalb wir irgendwann glauben, wir müssten einen Menschen oder ein Tier innerlich hinter uns lassen, damit es uns wieder gut gehen darf.

Aber was sollte man eigentlich loslassen?


Die Erinnerung an einen ganz bestimmten Charakter? Die Geschichten, über die man heute noch lachen kann? Das Wissen darum, wie sich die gemeinsame Zeit angefühlt hat? Die vielen kleinen Erfahrungen, durch die dieses Tier zu genau diesem Tier geworden ist und nicht zu irgendeinem anderen?


Vielleicht geht es nach dem Tod eines Tieres weniger darum, etwas loszulassen, als langsam herauszufinden, wie man das, was gewesen ist, mitnehmen kann, ohne dass es jedes Mal nur weh tut.


Irgendwann kannst du vielleicht ein Foto anschauen und bemerkst erst hinterher, dass du gelächelt hast. Eine Erinnerung, die dich vor einigen Monaten noch zum Weinen gebracht hätte, fühlt sich plötzlich warm an. Du erzählst eine Geschichte über dein Tier und merkst, dass du gerne über sie sprichst. Vielleicht gibt es aber auch Erinnerungen, bei denen dir selbst Jahre später noch die Tränen kommen.

Beides darf nebeneinander existieren.


Du musst niemandem beweisen, dass du „gut“ trauerst


Es gibt Menschen, die die Dinge ihres Tieres sehr schnell wegräumen müssen, weil sie den Anblick kaum ertragen. Andere können genau das monatelang nicht. Manche möchten möglichst bald wieder mit einem Tier leben, weil ihnen diese Form von Nähe fehlt, während andere allein bei diesem Gedanken das Gefühl haben, ihrem verstorbenen Tier untreu zu werden. Manche brauchen einen besonderen Erinnerungsort, andere möchten die Asche ihres Tieres bei sich behalten, manche schreiben über ihre gemeinsame Zeit und wieder andere möchten lange überhaupt nichts davon sehen oder hören.


Keine dieser Reaktionen sagt etwas darüber aus, wie groß die Liebe zu einem Tier gewesen ist.


Vor allem gibt es keinen Moment, an dem du aufgrund der vergangenen Zeit verpflichtet wärst, weniger zu vermissen. Du darfst nach Wochen traurig sein und nach Monaten. Du darfst nach Jahren an dein Tier denken und dir wünschen, du könntest noch einmal einen ganz gewöhnlichen Tag mit ihm verbringen. Gleichzeitig darfst du lachen, Neues erleben, dich wieder auf Dinge freuen und vielleicht irgendwann einem anderen Tier einen Platz in deinem Leben geben.

Das ist kein Widerspruch.


Trauer um ein Tier braucht ihre eigene Zeit


Vielleicht wird es irgendwann leichter. Wahrscheinlich sogar. Aber „leichter“ bedeutet nicht unbedingt, dass dein Tier unwichtiger wird oder dass du eines Morgens aufwachst und mit der Trauer fertig bist.


Vielleicht verändert sich vielmehr die Art, wie du dich erinnerst.


Zwischen all dem Vermissen tauchen nach und nach wieder die schönen Geschichten auf. Du erinnerst dich nicht mehr ausschließlich daran, dass dein Tier gestorben ist, sondern immer häufiger daran, wie es gelebt hat. An irgendeine vollkommen absurde Angewohnheit, über die du dich früher vielleicht sogar geärgert hast und die du heute gerne noch einmal erleben würdest. An einen Blick, eine Bewegung, einen Laut oder eine Situation, die für jeden anderen belanglos gewesen wäre und bei dir sofort eine ganze Erinnerung zurückholt.


Und vielleicht ist genau das der Grund, warum Trauer um ein Tier Zeit braucht und diese Zeit auch haben darf. Nicht weil du lernen musst, dein Tier zu vergessen, und auch nicht weil irgendwann ein bestimmter Punkt erreicht werden müsste, an dem der Verlust keine Rolle mehr spielt.


Sondern weil du nach und nach lernen musst, mit etwas zu leben, das du dir nicht ausgesucht hast: Dein Tier ist nicht mehr da, aber alles, was ihr miteinander erlebt habt, ist es noch.



Und dafür darfst du dir so viel Zeit nehmen, wie du brauchst.

 
 
 

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